Per Günther – „Was kannst du eigentlich?!“

Nach 14 Spielzeiten im Trikot von ratiopharm ulm wird Per Günther im Sommer seine Karriere beenden. Bleibt er bis dahin gesund und kommen die Ulmer in die Playoffs: wohl mit über 500 BBL-Spielen, vielleicht 4500 Punkten, ganz sicher aber über 500 Dreiern und mehr als 1500 Assists. Sein Weg: einmalig, immer ehrlich, ohne Blatt vorm Mund, authentisch. Von 2016 bis 2020 arbeitete unser Pressesprecher, Florian Eisebitt, damals noch als Uuulmer, mit dem Capitano zusammen – erlebte ihn hautnah, beobachtete ihn im Training und an Spieltagen, begleitete ihn zu Presseterminen, forderte ihn, nervte ihn und lernte eine verdammt wichtige Lektion – hier die Geschichte.

Pressesprecher Florian Eisebitt im Gespräch mit Head Coach Pedro Calles. | Foto: Marvin Contessi

Nach dem Ende meines Masterstudiums 2015 hatte ich ein wenig das Gefühl, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ich war 26, hatte die vermeintlich besten Jahre gerade erlebt, bereit für den Arbeitsmarkt. Die Ernüchterung kam schnell, wohl niemand hatte auf einen wie mich gewartet – sieben Jahre studiert, doch wofür? Trotz zahlreicher Projekte, die mich während der Unizeit an das Arbeitsleben heranführen sollten, stellte ich mir unweigerlich die Frage – war ich überhaupt bereit für den Arbeitsmarkt? Ich absolvierte ein Praktikum in der Kölner BBL-Zentrale, lernte, aber vor allem knüpfte ich zahlreiche wichtige Kontakte. Und schrieb weiter fleißig Bewerbungen, die meisten davon initiativ. Während ich aus Hamburg (noch) keine Rückmeldung erhielt, wurde ich in Ulm zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und der heutige BIG-Chefredakteur Martin Fünkele, damals noch Pressesprecher, und ratiopharm ulm Geschäftsführer Andreas Oettel gaben mir eine Chance.

Als ich im Sommer 2016 meinen Umzug nach Ulm plante, Wohnungen in Baden-Württemberg und Bayern besichtigte, erlebte ich in der Doppelstadt an der Donau meine ersten beiden Live-Spiele von Per Günther. Mit den Ulmern kämpfte sich Speedy Günzalez, damals war die unnachahmliche Geschwindigkeit, der Antritt, der erste Schritt, noch der Trumpf des 1,84 Meter „kleinen“ Guards, bis ins Finale. Ich war dabei, gegen Oldenburg und Frankfurt. Direkten Kontakt gab es damals noch keinen. Ich verfolgte beide Partien stehend in einem Mundloch, alle Presseplätze waren restlos besetzt, ebenso die 6.000 Sitze in der ratiopharm arena – niemand ließ sich „Prime-Per“ entgehen. Das anschließende Finale gegen Bamberg verfolgte ich vor dem Fernseher – in Spiel zwei stand Per 39:59 Minuten auf dem Feld, erzielte 20 Punkte, doch sein Dreier, der den Sieg hätte bringen können, verfehlte das Ziel. Ulm verlor das Finale 0:3 und beendete nach 2012 das zweite Mal eine Spielzeit als Vizemeister.

Im Spätsommer 2016 traf ich Per Günther dann das erste Mal persönlich. Beim alljährlichen Media Day – einem Tag voller Foto- und Videoaufnahmen und noch mehr Content – in einem Ulmer Club produzierten wir das Medien-Material für die anstehende Spielzeit. Voller Ideen scheuchte ich den Ulmer Kader, egal ob Nachwuchsspieler oder gestandenen Profi, vor einer weißen Wand von rechts nach links, von oben nach unten, von hinten nach vorn. „Hey Per, tanz doch mal!“, „Hey Per, jetzt dreh dich einmal im Kreis und dann mach eine Grimasse in die Kamera!“, „Hey Per, jetzt brauchen wir noch ein paar Signature-Posen, um erfolgreiche Aktionen abzufeiern!“ – ich ballerte den Guard mit Anweisungen voll. Und erntete dafür einen schrägen Blick nach dem anderen. Widerwillig, aber professionell spulte der Capitano sein Programm für mich ab. Ganz professionell, zumindest dachte ich das, hatte ich mich vor dem Dreh vorgestellt – „Hi, ich bin Flo, der Neue im Medienteam“ – dennoch erkundigte sich Per nach dem sichtlich schweißtreibenden ‚Rumgehampel‘ noch einmal nach meinem Namen.

2016 konnte Per Günther über den zweiten Finaleinzug in seiner Karriere jubeln. | Foto: Florian Achberger
Per Günther zusammen mit Tim Ohlbrecht beim Tigerenten Club. | Foto: BBU01

In der anschließenden Saisonvorbereitung verbrachte ich gefühlt jede zweite Trainingseinheit mit der Kamera an der Seitenlinie. Die US-Amerikaner tauten am schnellsten auf, Thorsten Leibenath – damals noch Coach – achte akribisch darauf, dass nicht zu viel zu sehen ist, Per Günther war einfach genervt. Woher ich das wusste? Er sagte es mir. Während das Team mit 27 Siegen zum Start in die Saison 2016/17 eine noch immer ungebrochene Rekordserie aufstellte, die Like-Zahlen auf den von mir betreuten Social-Media-Kanälen in die Höhe schnellten, trudelten auch spürbar zunehmend Anfragen für Termine ein – unter anderem vom Tigerenten Club. Also machte ich mich mit Per und Tim Ohlbrecht – und mit zwei Vertretern der örtlichen Presse im Gepäck – auf den Weg ins SWR-Studio nach Göppingen.

Schon rund einen Kilometer nach dem Start der erste Schreckmoment. In einer Kurve wurde unser Kleinbus touchiert – der Unfall sorgte für Verzögerungen im Zeitplan und brachte mein Stresslevel an den Anschlag. Und Per, ganz unverblümt, nutze die weitere Fahrt dafür, um mich „richtig kennenzulernen“, wobei die Fragerunde mir in diesem Moment eher wie ein Verhör vorkam. „Wer bist du eigentlich?“, „Was machst du hier genau?“, „Was kannst du eigentlich?“ – Per ließ keine Möglichkeit aus, um weiter zu bohren. Und ich, den Blick weiter möglichst konzentriert auf die Straße gerichtet, versuchte so professionell wie möglich zu antworten.

Erst später habe ich realisiert, dass er mir in diesem Augenblick vor allen anderen im Kleinbus einen Spiegel vorgehalten hat. So wie ich ihn am Media Day in eine unangenehme Situation gebracht habe, brachte mich Ulms Kapitän in die gleiche Lage – irgendwas zwischen mittelgroßem Unwohlsein und dem Gefühl schier bloßgestellt zu werden. Und ließ mich dadurch eine wichtige Lektion lernen: Im täglichen Miteinander sind Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Grenzen eines jeden Gegenübers unverzichtbare Eigenschaften. Profisportler sind keine Maschinen, die einfach ein von mir gefordertes Programm abspulen können, die sich, nur weil es mir in den Sinn kommt, für ein paar Klicks und Likes zum Clown machen müssen. Für ein Arbeiten auf Augenhöhe ist es unerlässlich, hinter die Zahlen in den Statistiken, die professionelle Fassade eines jeden Sportlers zu schauen. Diese bis heute nachhallende Lektion konnte mir kein Studium beibringen. Erst Per hat mir, auf seine ganz eigene Art und Weise, geholfen, im Arbeitsleben anzukommen.

Aus diesem Grund ist Per Günther – auf dem Feld meist kleiner als alle anderen – für mich einer der ganz Großen! Einer, der so viel mehr kann als vielleicht 500 Spiele, 4500 Punkte sowie 500 Dreier und 1500 Assists. Der meine Auffassungsgabe geschärft, meine Sicht, meine Arbeitsweise nachhaltig geprägt hat. Vielen Dank für diese Lektion, Capitano!

Der „Swaggy P“ der easyCredit BBL – Per Günther beim Final Turnier 2020 in München. | Foto: Ulf Duda