02.05.2018

„Ich bin ganz klar der Führungsspieler“

Semjon Weilguny ist einer der Durchstarter bei den Piraten Hamburg. Der 16-jährige Point Guard blickt auf eine starke Saison in der JBBL zurück (19,7 Punkte pro Spiel/5,4 Assists pro Spiel). Der enorme Trainingsfleiß des gebürtigen Itzehoers, der am Alten Teichweg zur Schule geht, zahlt sich aus. In unserer Interview-Reihe „More Than Basketball“ berichtet der Zehntklässler von der Herausforderung, eine Führungsrolle zu übernehmen, seinen Erfahrungen unter Patrick Femerling bei der Junioren-Nationalmannschaft und einem bevorstehenden intensiven Sommer.

Semjon, wie bewertest du die abgelaufene JBBL-Saison?

Insgesamt ganz ordentlich, da wir einen Großteil unserer Ziele als Mannschaft erreicht haben. Persönlich war ich ebenfalls nicht unzufrieden, war aber leider viel zu häufig verletzt. Zu Saisonbeginn ging es gut los, dann bin ich beim NBBL-Spiel umgeknickt. Nachdem ich wieder fit geworden bin und wir in der JBBL auch mehrere Partien in Folge gewonnen haben, hat mich eine Adduktorenzerrung bis zum Ende der Hauptrunde ausgebremst. Und pünktlich zur zweiten Playoff-Runde setzte mich eine Patellasehnenentzündung außer Gefecht. Zu sehen, wie meine Mitspieler dem großen Favoriten TuS Lichterfelde dann trotzdem einen großartigen Kampf geliefert haben, hat mich aber sehr stolz gemacht. Obwohl wir in zwei knappen Spielen ausgeschieden sind, zeigt dies die gute Entwicklung, die unser Team genommen hat.

Macht dir deine Verletzungsanfälligkeit Sorgen für den weiteren Verlauf deiner Karriere?

Nein, denn die Probleme mit den Adduktoren und am Knie waren keine eigenständigen Verletzungen, sondern Folgeerscheinungen des Außenbandrisses zu Saisonbeginn. Wir haben im Anschluss viele Untersuchungen gemacht, und die Tests sind allesamt positiv ausgefallen, ich fühle mich topfit. Über den Sommer werde ich viel mit Athletiktrainer Melvyn Wiredu arbeiten, um meinen Core zu stärken. Das ist die Grundlage für eine hoffentlich weitgehend verletzungsfreie nächste Spielzeit.

Wenn du nicht pausieren musstest, warst du der unumstrittene Leader deines JBBL-Teams. War dir diese Rolle vorab von Trainer Özhan Gürel so zugeteilt worden?

Da ich über die meiste Erfahrung im Team verfüge, war ich ganz klar der Führungsspieler. Das ist jedoch eine Rolle, die ich erstmal lernen musste.

In den Huddles hast du häufig die Ansprache übernommen. Worauf hast du dabei geachtet?

Es ist schon wichtig, ganz klar zu sagen, was Sache ist. Ich habe Wert darauf gelegt, den anderen zu helfen, sie aber niemals zu erniedrigen und zu verunsichern.

Bist du vom Naturell her eine Führungspersönlichkeit?

Ich war es nicht immer, mittlerweile fühle ich mich in dieser Rolle aber wohl. Früher hatte ich oft das Problem, dass ich zu schnell den Kopf hängengelassen und mich über meine Mitspieler aufgeregt habe. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich mit dieser Art nichts erreiche. Ich ziehe das restliche Team damit nur herunter und verliere selbst den Fokus fürs Spiel. Bei diesem Lernprozess waren die regelmäßigen Gespräche mit meinen Trainern Felix Banobre und Amir Zohri sowie Towers-Teamcoach Hinnerk Smolka sehr unterstützend.

Kommende Saison wirst du in der NBBL auflaufen. Machst du dir Gedanken, ob der Übergang von der U16 in die U19 reibungslos gelingt?

Zum Glück habe ich bereits regelmäßig NBBL trainiert und gespielt. Ich bin also schon im Team drin und kenne alle. Das ist sicher ein großer Vorteil. Aber selbstverständlich verlangt es über den Sommer einige Arbeit, um körperlich und technisch das geforderte Niveau zu erreichen.

Wie sieht dein Sommer aus?

Im Optimalfall spiele ich für die U16-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Serbien. Das ist mein ganz großes Ziel. Dafür muss ich fit werden. Im Juni finden die ersten Lehrgänge statt. Das Leistungscamp „Elite Jove“ in Hamburg steht ebenfalls auf dem Programm. Und dann sehen wir mal, ob ich die Vorbereitung bei der ProB-Mannschaft des SC Rist Wedel absolviere oder Teile davon sogar bei den Towers. Zwischendrin bleiben mir eineinhalb Wochen Urlaub mit meinem Vater.

Dein Trainer bei der Nationalmannschaft ist kein Geringerer als Patrick Femerling. Was hast du von ihm mitnehmen können?

Es hat mich sehr beeindruckt, dass er sich von jedem seiner Spieler ein persönliches Bild vor Ort macht. Er war hier in Hamburg, um mich zu beobachten und besser kennenzulernen. Mein Spielverständnis, Passspiel und Wurf gefallen ihm. Allerdings hat er mir deutlich gesagt, dass ich in der Verteidigung noch zulegen muss. Als Rekord-Nationalspieler verfügt er über wahnsinnig viel Erfahrung. Daher erwarte ich mir einiges von ihm als Trainer.

Hast du Idole, denen du nacheiferst?

Ich bin ein großer Fan von Kyrie Irving und Milos Teodosic. Beide können gegnerische Verteidigungen nach Belieben manipulieren.

Du bist seit 2016 Schüler am Alten Teichweg, einer Eliteschule des Sports. Wie sieht der typische Tag eines Internatsschülers aus?

Training vor der Schule, Unterricht, dann etwas essen und hinein in den abendlichen Trainingsmarathon: In der abgelaufenen Saison hatte ich meistens erst eine Einheit mit der JBBL, anschließend mit der NBBL. Vor 22 Uhr war ich selten zu Hause.

Ist es bei einem Pensum von bis zu zehn Trainingseinheiten pro Woche plus Spielen am Wochenende überhaupt möglich, die schulischen Herausforderungen zu meistern?

Ja, das klappt ganz gut. Ich habe beispielsweise etwas weniger Unterrichtsstunden, bleibe dafür ein Jahr länger auf der Schule. Das ist ein Modell speziell für Sportler. Somit wird gewährleistet, dass ich genügend Zeit zum Lernen und für die Hausaufgaben besitze. Mit meinem Schnitt von 1,7 bin ich zufrieden. Aber wie beim Basketball gilt auch in der Schule: Es geht immer etwas besser.

Ist es manchmal schwierig, den Freunden abzusagen, wenn sie ins Freibad oder Kino wollen, während du mal wieder zum Training musst?

Ich habe mir selbst ausgesucht, eine Laufbahn im Leistungssport zu absolvieren. Mein ultimatives Ziel ist es, Basketballprofi zu werden. Deshalb habe ich kein Recht, mich zu beschweren – vor allem, wenn ich die Schwimmer unserer Schule sehe, die bis zu 14 Mal wöchentlich trainieren. Abgesehen davon habe ich so viel Spaß am Basketball, was kein Kinobesuch und keine Party toppen könnte. Und manchmal ist ein Wochenende frei, dann bleibt auch Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit Freunden, die ich dann umso mehr genieße.

Worauf möchtest du in einem Jahr zurückschauen, wenn wir erneut ein Interview führen?

Auf die Teilnahme bei der EM, bei der ich gut gespielt habe, auf eine gute NBBL-Saison, in der wir das Top Four erreicht haben, und darauf, dass ich regelmäßig in der ProB Minuten gesammelt habe… Oh, und dass ich endlich mal mit Freunden zusammen in den Urlaub gefahren bin (lacht).