05.08.2018

„Europäische Trainer sind zu konservativ“

Will Barnes ist ein Name von Wert bei den Hamburg Towers. Der 30-Jährige führte die Wilhelmsburger in ihrer allerersten Saison 2014/15 als Kapitän und Topscorer an. Anschließend widmete er sich vermehrt der Jugendarbeit und wurde in der Hansestadt sesshaft. Für diese Spielzeit holen die Towers den kräftigen Guard zurück in die Halle – allerdings nicht als Verstärkung für den Backcourt, sondern als Individualtrainer. Darüber sowie über die Unterschiede zwischen den USA und Europa und vieles mehr haben wir uns mit Will unterhalten.

Will, deine Profi-Karriere auf höchstem Niveau ist seit drei Jahren beendet. Dennoch bist du in bestechender Form. Wie hältst du dich fit?

Basketball ist nach wie vor ein immens wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich spiele für die TSG Bergedorf in der 1. Regionalliga, es macht immer noch jede Menge Spaß. Allerdings verschiebt sich der Fokus vom Spielen zunehmend hin zum Coachen.

Heißt konkret: du wirst Trainer?

Meine D-Lizenz habe ich bereits. Boris Schmidt, der Vorsitzende der TSG Bergedorf, unterstützt mich, damit ich die weiteren Lizenzen erlangen kann. Dennoch bin ich kein Coach im klassischen Sinn, der das Mannschaftstraining leitet. Stattdessen spezialisiere ich mich aufs Individualtraining. Neben meiner Tätigkeit bei den Towers bringe ich mein eigenes Label „We Grind“ zum Laufen.

Wofür steht „We Grind“?

Für individuell angepasstes Basketballtraining vom Profi- bis in den Kinderbereich. Dazu kommen Projekte im sozialen Bereich, wie beispielsweise die Mithilfe bei Blockpartys und Musik-Events. Das geht also in jeglicher Hinsicht Hand in Hand mit der Philosophie der Towers. Kerngeschäft ist aber natürlich die Arbeit am Ball. Im Sommer trainiere ich hauptsächlich die professionelleren Klienten, während der Saison fokussiere ich mich auf den Nachwuchs. Wenn alles läuft wie geplant, dann habe ich zu Beginn des neuen Jahres an drei Standorten in Hamburg jeweils einmal wöchentlich eine Hallenzeit, um bis zu 15 Kinder für eine Stunde zu trainieren. Primär möchte ich dabei den Acht- bis 14-Jährigen die Fundamentals vermitteln, die sie benötigen, um auf einem höheren Level in die JBBL (U16-Bundesliga) zu starten. Im August startet „We Grind“, mein Cousin Dominique Shelby aus Indiana war einige Wochen zu Besuch in Hamburg, um mir zu helfen. Er hat viel mehr Erfahrung im administrativen Bereich und die sozialen Medien betreffend als ich.

Wie wird parallel dazu dein Job im ProA-Team von Headcoach Mike Taylor aussehen?

Abhängig von meinem eigenen Trainingsplan bei Bergedorf dürfte ich bei 75 bis 80 Prozent der Einheiten vor Ort sein, um davor oder danach kleine Drills zu laufen. Es ist auch vorstellbar, dass ich während des Trainings mal eine Übung übernehme. Vor allem die jüngeren Akteure, die zum Teil noch NBBL spielen, stehen unter meiner Aufsicht.

Warum Individualtraining anstatt Mannschaftstraining?

Zuerst einmal ist es mir wichtig, überhaupt am Ball zu bleiben. Ich liebe Basketball, und somit ist es kein Zufall, dass ich weiter hauptberuflich in diesem Sport tätig sein will. Headcoach zu sein, passt allerdings nicht – zumindest noch nicht – zu meinem Naturell. Ich achte sehr gerne auf Details bei einzelnen Spielern und helfe ihnen, zum Beispiel einen Move besser auszuführen. In meinem Senior-Jahr am College hatte ich die Gelegenheit, mit Kindern zu arbeiten und habe meine Begabung dafür entdeckt. Sie respektieren mich und hören zu. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Daher macht es auch so viel Spaß. Langfristig könnte ich mir gut vorstellen, als Talentscout zu wirken.

Wie sieht deine Vorbereitung aufs Training aus?

Zu Beginn des Sommers strukturiere ich die Pläne und schaue bei jedem Spieler, welche Skills und Bewegungen er sich zulegen kann. Dabei wird unterschieden zwischen Guards und Bigs. Ich habe schon immer Drills, Tricks und Basics von all meinen Trainern gesammelt. Das vermische ich dann mit meinem Wissen über das Spiel auf höchstem europäischen Level, um unter anderem die Bedeutung des Pick&Rolls angemessen zu gewichten.

Kannst du als Guard auch Big Men trainieren?

Klar. Zwar habe ich ihre Position nie gespielt, weiß aber genau, wie die Bewegungen auszusehen haben und besitze ein Gefühl für die korrekte Fußarbeit. Der einzige Unterschied ist, dass ich im direkten Eins-gegen-Eins-Training größen- und gewichtsmäßig nicht gegenhalten kann.

Beschränkt sich dein Coaching auf die Arbeit am Ball?

Nein, ich gebe auch Athletiktraining. Wir machen viel mit der Agilitätsleiter, dem Springseil, schulen die Reaktionen mit Tennisbällen. Alles in allem ist es ein gut abgerundetes Programm, in dem Wert auf Effizienz und Details gelegt wird.

Kannst du Beispiele deines Trainings mit Towers-Spielen nennen?

Bis jetzt habe ich viel mit Malik und René gemacht. Bei Malik sind meine Einheiten sehr intensiv. 45 Minuten, die so hart sind wie üblicherweise 90 Minuten. Unser Motto lautet: Work smarter, not harder. Mit ihm mache ich nichts, worin er sich zu komfortabel fühlt und jeden Wurf trifft. Stattdessen arbeiten wir an Dingen, bei denen er noch Potenzial besitzt. René ist unfassbar schnell. Seine Flinkheit ist seine größte Stärke und sein Kryptonit zugleich. Daher stresse ich bei ihm, diese Fähigkeit richtig einzusetzen. Zudem haben wir zuletzt viel am Crossover umgestellt. Sein Handwechsel erfolgt nun nach einem härteren Dribbling, was ihn effektiver macht.

Was ist heutzutage der wichtigste Skill?

Zu 100 Prozent Shooting. Mittlerweile muss selbst der Center werfen können. Das zieht multiple Folgeerscheinungen mit sich. Das Pick&Roll wird viel dynamischer, es wird mehr geswitcht. Große Jungs sollten nun auch an der Dreierlinie verteidigen können. Jeder Akteur muss vielseitiger sein als früher.

Sind die Unterschiede zwischen amerikanischem und europäischen Basketball deiner Meinung nach immer noch so gravierend?

Es sind nach wie vor große Unterschiede zu erkennen. In Europa wird mehr Wert auf selbstlosen Team-Basketball gelegt. Um den nächsten Schritt in der Evolution eines Teams zu gehen, wird auf Taktik und Physis gesetzt. In den USA geht das eher mit der Entwicklung der individuellen Skills einher. Ich wünsche mir, dass in Europa der Individualität in den Grenzen des Teamkonzepts mehr Raum gelassen wird. Warum bekommt ein Spieler, der zweimal in Folge gescort hat, nicht umgehend wieder den Ball und darf eine Isolation laufen? Solche Fragen beschäftigen mich. Ich glaube, das hat auch kulturelle Gründe.

Inwiefern?

Zum einen aus der sportlichen Tradition heraus. Zum anderen haben einige – ich sage bewusst nicht alle – Baller aus Westeuropa eine relativ unbeschwerte Kindheit. Die Sozialsysteme in Deutschland sind vorbildlich, die Gefahren gering. Profisport ist nicht die einzige Option, der Armut zu entfliehen. Dagegen beginnen US-Amerikaner häufig viel früher mit organisiertem Spielen, tragen mehr Hunger in sich, es auf die nächste Stufe zu schaffen. Diese Form des Selbstvertrauens und der mentalen Stärke vermisse ich mitunter in Europa. Aus meiner Sicht sind diese Faktoren aber die wichtigsten, um sich als Spieler durchzusetzen und das Maximum zu erreichen. Daher predige ich das auch immer wieder bei meinem Training.

Welche Schwachpunkte im Coaching fallen dir auf?

Hauptsächlich welche im strukturellen Bereich. Die meisten Trainer arbeiten nicht als Vollzeit-Coaches. Deswegen können sie sich nicht zu 100 Prozent darauf konzentrieren, für sie ist Basketball aufgrund der Bezahlung verständlicherweise nur ein Nebenjob. Außerdem habe viele Übungsleiter keine Vergangenheit als Profispieler. Und wie schon gesagt: Mir sind einige Trainer in Europa zu konservativ. Der Basketball ist zu systembasiert und zieht zu wenig Vorteile aus Leuten, die in jedem Spiel effektiv 25 Punkte erzielen können.

Was treibst du abgesehen vom Basketball?

Eine ganze Menge. Ich fühle mich in Bergedorf sehr wohl und bin glücklich, mein Leben in Hamburg aufzubauen. Von Team zu Team und Stadt zu Stadt zu springen, könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Dafür ist mir die Zeit mit meinem zweijährigen Sohn William Oskar auch viel zu wichtig. Ansonsten habe ich begonnen, Hip-Hop-Beats zu produzieren, mich mehr in der Musik-Szene zu integrieren und im Sommer ausgiebige Reisen zu unternehmen. Es könnte schlimmer sein (lacht).

Do 01. Januar 1970

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