06.06.2018

„Basketball ist das Leben unseres Sohns“

Wie geht es Eltern, deren Sohn leistungsorientiert Basketball spielt? „Denen geht es erstmal sehr gut“, sagen Mona Wagemann und Stefan Schmahl. Ihr Sohn Ludwig Wagemann ist für die Piraten Hamburg in der U16-Bundesliga am Ball. Bei „More Than Basketball“ erzählt das Paar davon, dass es aber auch schwierige Momente zu bewältigen gibt, wie das auf den Sport zugeschnittene Familienleben aussieht und warum Stefan zum Teamfotograf geworden ist.

Es gibt sogenannte „Tennis-Väter“, „Eiskunstlauf-Mütter“ – und es gibt LaVar Ball. Also Eltern, die ihre sportlich talentierten Kinder bis ans Maximum pushen und häufig ziemlich rücksichtlos auch darüber hinaus. Eltern, die den Erfolg des Sprösslings über alles und alle stellen. Könnt ihr euch auch nur im Ansatz mit LaVar Ball und Co. identifizieren?

Mona: Nicht ein bisschen, deshalb habe ich auch verhindert, dass Ludwig Fußball spielt (lacht). Ich wollte keine dieser Fußball-Mütter werden, die schreiend an der Seitenlinie stehen.

Stefan: Wir haben vier Kinder: Hellena (18 Jahre), Arthur (16), Ludwig (15) und Theresia (10). Alle dürfen sich selbstbestimmt aussuchen, wie sie ihre sportliche Freizeit gestalten. Wir üben keinerlei Druck aus.

Wie kam Ludwig dann zum Basketball?

Mona: Er hat mehrere Sportarten ausprobiert. Kung-Fu, Ballett und Schwimmen unter anderem. Aber er wollte lieber in einer Mannschaft spielen. So sind wir beim Basketball in Bad Segeberg gelandet. Die dortigen Trainer haben sein Potenzial erkannt und Ludwigs gute Trainierbarkeit gelobt. Sie haben uns auch empfohlen, ihn zusätzlich bei höher spielenden Teams anzumelden. So ging es über die Landesauswahl, das Team Nord und Lübeck zu den Piraten Hamburg.

Lässt sich der Aufwand, den ihr seitdem betreibt, überhaupt beziffern?

Stefan: Stundenmäßig kaum. Ab Oktober bin ich jedenfalls nahezu jedes Wochenende an beiden Tagen für Basketball verplant. Samstags spielt Ludwig für Lübeck in der Jugend-Oberliga, sonntags für die Piraten in der JBBL.

Ist es für die Wochenendplanung ein erheblicher Unterschied, ob das JBBL-Spiel daheim oder auswärts ist?

Stefan: Der Unterschied ist geringer, als man zunächst denkt. Bei Heimspielen stehe ich nämlich schon um 6.30 Uhr in der Küche und schmiere Brötchen, während Mona Kuchen backt, weil wir Eltern uns um das Catering kümmern. Anschließend liefere ich Ludwig in der Halle ab und helfe dort vor Ort, wo es gerade nötig ist. Aber zumindest lässt sich dann am Nachmittag zu Hause nochmal der Grill anwerfen. Wenn ein Auswärtsspiel nach Halle oder Essen ansteht, bin ich von 6 bis 22 Uhr unterwegs.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit der Eltern untereinander?

Stefan: Wie in allen größeren Gruppen: Es gibt welche, die mehr machen, und welche, die weniger machen. Häufig sind die Absagen aber auch begründet.

Mona: Diejenigen, die sich in diesem Zusammenhang engagieren, sind auch meistens in anderen Bereichen ehrenamtlich aktiv.

Wie wirkt sich das hohe Trainings- und Spielpensum von Ludwig auf euer Familienleben aus?

Stefan: Zum Glück sind nicht alle Kinder auf diesem hohen sportlichen Niveau und ständig auf Achse (lacht). Ernsthaft: Es ist schon schwierig. Ludwigs drei Geschwister müssen häufig auf mich verzichten. Mitunter fehlt die Zeit, um ein Ohr für ihre Sorgen und Nöte zu haben, das kaputte Fahrrad zu reparieren oder Hilfe am PC zu geben.

Mona: Manchmal geht es einfach auch nur darum, mit dem Vater zu sprechen. Unsere zehnjährige Tochter fragt sich am Wochenende: „Wo ist Papi?“ Aber ehe Stefan wieder zu Hause ist, liegt sie schon wieder im Bett. Da müssen wir schon viel mit unseren Kindern kommunizieren, damit kein Neid aufkommt – auch in finanzieller Hinsicht. Gefühlt rauschen alle vier Wochen Pakete mit neuen Basketballschuhen für Ludwig rein. Dann braucht er für die Fahrten nach Hamburg natürlich auch Geld und Essen, weil es am Bahnhof nur Mist gibt.

Wo wir beim Thema Essen sind: Wie sehr achtet ihr Ludwig zuliebe auf gesunde Ernährung?

Stefan: Als gelernter Koch fällt es mir zum Glück ohnehin leicht, ausgewogene Mahlzeiten für die ganze Familie auf den Tisch zu bringen. Wir achten auf frische Zubereitung und präferieren Vollkornprodukte gegenüber Weizenmehl. Mona arbeitet sich da aber noch tiefer ins Thema hinein als ich.

Mona: Mir ist wichtig, dass Ludwig genügend Vitamine und Magnesium zu sich nimmt. Mit 40, 50 Jahren soll er keine Rückenprobleme bekommen, weil er sich als Jugendlicher schlecht ernährt hat. Aber bei einem Jungen in seinem Alter muss man natürlich auch Acht darauf geben, Essen zu servieren, das die Knochen, aber nicht die Pickel wachsen lässt.

Wie ist das Verhältnis der Geschwister untereinander?

Stefan: Sie meiden zwar Ludwigs Spiele, aber untereinander verstehen sie sich wunderbar. Sobald eine Gefahr von außen auf sie eindringt, stehen sie fest zusammen wie ein Baumstamm. Was sie allerdings nicht daran hindert, dem anderen die Butter auf dem Brot nicht zu gönnen. Natürlich fragen sie sich, warum Ludwig manchmal mehr bekommt als sie, siehe das Schuh-Thema. Aber Theresia gibt beispielsweise gerne mit ihm an und lässt sich gerne von ihm beim Mini-Basketball in Bad Segeberg trainieren. Arthur findet es total cool, wenn Ludwig, den Basketball auf den Fingern drehend, durchs Schulgebäude läuft.

Lässt sich die Balance zwischen Schule und Leistungssport gut finden?

Mona: Das ist keine einfache Aufgabe. Im Alter zwischen 13 und 15 Jahren ist Schule bekanntlich nicht so spannend. Mitunter besteht dann Redebedarf und es gilt Konflikte auszuräumen, um eine entspannte Familiensituation herzustellen. Wir wollen uns aber nicht beschweren, sondern sehen es als Geschenk, dass Ludwig so für eine Sache brennt. Als Kind hat er bis zum Dunkeln auf den Korb in unserer Einfahrt gespielt. Basketball ist sein Leben. Solange der Notenschnitt besser als 3,0 ist, sind wir entspannt. Die Gespräche mit den Lehrern geben uns die Gewissheit, dass er richtig auf dem Gymnasium ist. Wenngleich sich durch den Sport ein Problem ergibt: Ludwig ist es gewohnt, dass sich die Welt um ihn dreht. In der Schule gibt es das nicht. Diese Gratwanderung muss uns gelingen.

Stefan: Daher muss er genauso wie seine Geschwister arbeiten. Er trägt Zeitungen aus und erledigt Gartenarbeiten bei seinen Omas. Wenn es zeitlich mal zu knapp wird, helfen ihm seine Geschwister, was wir großartig finden.

Wie wirkt sich eine Laufbahn im Leistungssport auf die Eltern-Kind-Beziehung aus?

Stefan: Vermutlich nicht anders als bei anderen Familien mit Kindern in diesem Alter. Wir haben unsere Höhen und Tiefen. Mit Ludwig gehen wir immer offen um. Wenn er keine Lust mehr auf Basketball hat, wäre das schade, aber wir würden es akzeptieren. Auf der anderen Seite wäre es doof, wenn wir ihm die Möglichkeit, Sport auf einem derart hohen Niveau zu betreiben, nehmen würden. Durch die intensive gemeinsame Zeit können wir über vieles sprechen. Es gab auch schon Tage mit großen Tränen, weil die Belastung extrem ist. Die Kumpels können sich mit Mädels treffen, während Ludwig vier Wochen am Stück nur Basketball spielt. In solchen Situationen versuchen wir als Familie, gemeinsam eine Lösung zu finden, um Zeit freizuschaufeln. Bislang sah das immer so aus, dass am Basketball nicht gespart wird. Unser Verhältnis ist wirklich gefestigt. Nur beim Auswärtsfahrten sitzt Ludwig lieber in dem Bus, der nicht von mir gefahren wird (lacht). Aber auf dem Weg von Hamburg nach Bad Segeberg sage ich ihm dann ein, zwei Sachen zum Spiel und stelle Fragen.

Warst du denn selbst Sportler und fühlst dich dazu berufen, fachliche und sachliche Kritik an Ludwig zu üben?

Stefan: Ich war Schwimmer, aber nicht auf hohem Niveau. Beim Basketball bewege ich mich auf der Ebene, dass ich nicht so viel erkenne. Daher kritisiere ich nie spezielle Situationen. Eher frage ich, ob er zufrieden war oder warum sein Trainer Özhan Gürel zum Beispiel im dritten Viertel einmal so laut geschrien hat. Ich versuche, Fragen zu stellen, durch die Ludwig sich selbst reflektieren kann. Solche Prozesse haben bei mir selbst immer einen großen Lernprozess zur Folge.

Was gefällt euch an der Förderung bei den Towers/Piraten?

Stefan: Dass mein Sohn gerne hingeht. Nach dem ersten Training in der edel-optics.de Arena kam er stolz wie Bolle nach Hause, das war ein Gänsehaut-Moment. Dazu imponiert uns die physiotherapeutische Betreuung. Wenn er Probleme hat, wird ihm diesbezüglich sofort geholfen. Es ist das erste Mal, dass ein Verein so viel Hilfe angeboten hat. Der Ansatz der Towers, über Sport und soziales Engagement zur Stadtteilentwicklung in Wilhelmsburg beizutragen, ist großartig. Und dann sind regelmäßig Spieler der Profimannschaft in der Halle und direkt dran an den Jungs.

Mona: Wenn die Jugendlichen sehen, dass die Profis die gleichen Übungen machen wie sie, ist das eine fantastische Inspiration.

Stefan: Bei den Towers herrscht eine Familien-Atmosphäre, man spürt die Nähe. Selbst Marvin als Geschäftsführer ist immer für ein persönliches Gespräch verfügbar.

Mona: Die Elternabende sind klasse. Wir sind dort mit unseren Sorgen gut aufgehoben. Denn man muss sich vor Augen führen, dass unsere Jungs zwar sehr groß sind, aber eigentlich auch noch Kinder.

Zu guter Letzt: Woher kommt die Leidenschaft zur Fotografie während der Spiele?

Stefan: Als Filmtonmeister ist mir die Kameratechnik nicht völlig fremd. Früher hatte ich Spaß an Schwarz-Weiß-Fotos, dann habe ich mir eine Digitalkamera gekauft, inzwischen eine noch bessere, damit ich die dynamischen Bewegungen besser aufs Bild bannen kann. Es ist einfach schön, vergängliche Momente aufzubewahren. Ursprünglich habe ich nicht jedes Spiel fotografiert. Aber die Jungs fanden das super, haben die Fotos bei WhatsApp und Facebook als Profilbilder eingefügt. Seitdem fühle ich mich dazu berufen.